„Lange Linien“ – Geschichte und Diplomatie

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Kann man aus der Geschichte lernen? Kann man ihr Antworten für die Lösung aktueller Krisen entnehmen? Henry Kissinger hat bestritten, dass die Geschichte ein „Kochbuch“ für die Diplomatie sei. Allerdings hat das Bedürfnis nach Orientierung in einer „Welt aus den Fugen“ zugenommen. Hiervon zeugen mehrere Veranstaltungen – nicht nur von Institutionen in Berlin. Die „Bonner Akademie“ (BAPP) hat gerade eine Veranstaltungsreihe beendet, die u.a. Hintergründe und „lange Linien“ der Krisen in Osteuropa und dem Nahen Osten untersuchte: „Krisen im Kontext“. Die Konferenz der Deutschen Botschafter Ende August in Berlin befasste sich mit der Frage, welche Lehren aus dem 30-jährigen Krieg für die Beendigung der Kämpfe in Syrien und dem Irak sowie für die Neuordnung des Nahen Ostens zu ziehen seien. Am letzten Wochenende schließlich gründete die Hamburger „Körber-Stiftung“, die ihre Veranstaltungen sonst aktuellen politischen Entwicklungen widmet, in Berlin das „History Forum“. Diese neue, jährliche Konferenz soll ausdrücklich zwischen historischer Forschung und Diplomatie, dem „Historikertag“ und der „Münchner Sicherheitskonferenz“ (MSC) vermitteln.

Natürlich liegen in so einer Unternehmung auch Gefahren. Geschichte kann als Geschichtspolitik missbraucht werden. Tendenzen dieser Art, wie sie z.B. in Russland und einigen mitteleuropäischen Staaten zu finden sind, wurden auf dem „History Forum“ analysiert. Aber in Anspielung auf Friedrich Nietzsche´s Frage nach dem „Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ lässt sich doch behaupten, dass historische Beispiele zwar keine Analogie liefern aber Anregungen für die Lösung aktueller Krisen geben können. Sie helfen zumindest dabei, die „langen Linien“, die „lebendigen Kräfte“ (Immanuel Kant), zu sehen.

Dr. Hans-Dieter Heumann, Botschafter a.D.Der Vergleich zwischen dem 30-jährigen Krieg sowie dem Westfälischen Frieden einerseits und den Konflikten im Nahen Osten sowie den Verhandlungen über Syrien andererseits ist durchaus aufschlussreich. Bei allen Unterschieden zeigt er z.B., dass eine Friedenslösung dann möglich ist, wenn die Kriegsparteien erschöpft sind. Er zeigt das Zusammenspiel von regionalen und äußeren Mächten, damals vom Habsburgerreich, Frankreich und Schweden; heute von Iran, Saudi-Arabien, den USA, Russland und möglicherweise der Türkei. Was den Ausgleich von Interessen angeht, war der Westfälische Frieden eine diplomatische Innovation. Wenn es heute Hoffnung für Syrien gibt, so hängt sie an der Zusammenarbeit der „äußeren Mächte“ USA und Russland. Sie scheint am letzten Wochenende in eine neue Phase getreten zu sein. Werden auch die regionalen Mächte Iran und Saudi-Arabien Verantwortung übernehmen?
Die wichtigste Aufgabe der Geschichtswissenschaft wird es auch weiterhin sein, herauszufinden, „wie es eigentlich gewesen ist“ (Leopold von Ranke). Sie aber nutzbar zu machen für die Diplomatie, dies ist das Anliegen der „strategischen Wissenschaft“, der „strategic studies“, die zwischen Theorie und Praxis der internationalen Politik vermitteln sollte.

von Dr. Hans-Dieter Heumann,
Botschafter a.D., assoziiertes Mitglied des Direktoriums des CISG