Rezension von Dr. Gezá Andreas von Geyr

cisgbonn Publikationen

„Internationale Sicherheit im 21. Jahrhundert.
Deutschlands Internationale Verantwortung.”

Kommende Historikergenerationen werden die sicherheitspolitischen Wendepunkte der Mitte unseres Jahrzehntes einzuordnen haben: Gewiss ist, dass Europas Sicherheitsarchitekur seit der Annexion der Krim durch Russland und dessen militärischem Eingreifen in der Ostukraine Risse bekommen hat. Zugleich hat sich an Europas Südflanke ein Krisenbogen verfestigt, der durch staatliche Fragilität, ja Staatszerfall, blutige Konflikte und langandauernde Kriege gekennzeichnet ist. Mit dem „Islamischen Staat“ hat eine Terrororganisation martialische Wucht erlangt, deren DNA der unversöhnliche Hass auf die offene und freie Gesellschaft ist. Während wir unser Hauptaugenmerk auf die Konflikte und Risiken in Deutschlands und Europas Nachbarschaft richten, vollziehen sich in Asien, dem bevölkerungsreichsten und dynamischen Kontinent unserer Erde, signifikante Wandlungsprozesse mit erheblicher Relevanz für die Perspektiven unserer Interessen an freiem Handel. Gleichzeitig – und nicht minder dringlich – mahnen uns Migrationsbewegungen zu mehr Aufmerksamkeit für Afrika. Hinzu treten das Phänomen der hybriden Kriegführung, Gefahren in und aus dem Cyberraum, Folgen des Klimawandels und sicherheitsrelevante Aspekte weltweiter Epidemien.

Vor diesem strategischen Panorama des Neben- und Miteinanders einer Vielzahl von qualitativ ganz unterschiedlichen Herausforderungen steht Deutschland zu seiner Verantwortung. Einer Verantwortung, die mit der Brisanz des Sicherheitsumfeldes wächst, sodass sie Deutschlands politischem und ökonomischem Gewicht und einer angemessenen Lastenteilung mit unseren Partnern und Verbündeten entspricht. Anfang 2014 löste das „Mehr an Verantwortung“, das vom Bundespräsidenten, dem Bundesaußen- und der Bundesverteidigungsministerin in unterschiedlichen Formulierungen gefordert wurde, noch heftige Debatten aus. Heute stellt sich weniger die Frage, „ob“ wir ein größeres Maß an Verantwortung übernehmen wollen und sollen, sondern „wie“ wir diesem Mehr an Verantwortung gerecht werden: Wie wir uns klug positionieren, wie wir Strategien entwickeln und andere mitnehmen, wie wir Partner überzeugen – und so zunehmend auch „aus der Mitte heraus“ führen.

Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Sammelbandes „Internationale Sicherheit im 21. Jahrhundert. Deutschlands internationale Verantwortung“ leisten mit ihren Überlegungen, Analysen und Forderungen einen wertvollen Beitrag zur Orientierung in dieser Komplexität des politischen Umfeldes. Wer heute strategisch denken und handeln will, muss die größtmögliche Breite an Fachwissen, Erfahrung und Expertise einbinden, wie es der vernetzte Ansatz unserer Sicherheitspolitik erfordert.

Die Bandbreite der Beiträge – von Fragen der Konturen einer zukünftigen Weltordnung bis zur Ernährungssicherheit, von der Untersuchung verschiedener Aspekte des Aufstiegs Chinas zu Empfehlungen für eine wirksamere globale Gesundheitspolitik – reflektiert die Vielfalt strategischer Herausforderungen, welche die heutige Sicherheitspolitik kennzeichnen.

In 24 geschickt komponierten Einzelbeiträgen nähern sich namhafte, aus verschiedenen Disziplinen kommende und von unterschiedlichen Erfahrungshintergründen geprägte Autoren der Multidimensionalität von Sicherheit im 21. Jahrhundert an.

Dabei ergibt sich der besondere Wert des Bandes neben der vertieften Betrachtung der jeweiligen Themen aus der Gesamtdarstellung ineinandergreifender Abläufe und Wirkbeziehungen.

Reizvoll ist, dass sich die Autorinnen und Autoren – nationale wie internationale aus Wissenschaft und Politik – nicht auf die Analyse dessen, was ist, beschränken, sondern pointierte Schlussfolgerungen ziehen und konkrete Handlungsempfehlungen geben. Dabei ist es überzeugend gelungen, die anspruchsvollen Themen für einen breiteren Interessentenkreis aufzubereiten und sowohl in den tagesaktuellen wie auch in einen perspektivischen Kontext einzuordnen.

Der Erscheinungszeitpunkt in engem zeitlichem Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Weißbuches 2016 zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr könnte nicht besser gewählt sein. Das neue strategische Grundlagendokument, das unter Federführung des BMVg erstmals in einem breiten inklusiven Prozess entstanden ist, wird Deutschlands sicherheitspolitischer Kompass für die nächsten Jahre sein. Ein Kompass, der auf Grund seines Charakters beim Diskurs des Sicherheitsumfeldes synoptisch angelegt ist und auf inhaltliche Detailanalysen verzichtet. Der vorliegende Sammelband, der als Kompendium moderner Sicherheitspolitik angelegt ist, nimmt viele der im Weißbuch 2016 analytisch verdichteten Fäden der Analyse sicherheitspolitischer Herausforderungen auf und bietet die Möglichkeit zur individuellen Vertiefung.

Dr. Geza von GeyrMit dem vom Center for International Security und Governance konzipierten Sammelband liegt ein Beitrag zur Diskussion einer Sicherheitspolitik vor, der sich in einen sicherheitspolitischen Dialog einordnet:Diesen auch über die exklusive sicherheitspolitische Elite hinaus zu führen ist – heute mehr denn je – von erheblicher Bedeutung. Für das Bemühen, auch eine breitere Öffentlichkeit für die Notwendigkeit der Befassung mit Sicherheitspolitik in allen ihren Facetten zu interessieren, gebührt den Herausgebern und der Autorenschaft Anerkennung und Dank.


von Dr. Gezá Andreas von Geyr

Politischer Direktor und Abteilungsleiter Politik
Bundesministerium der Verteidigung