Bericht: „Im Namen des Islam – Religion als Mittel zum Zweck“

cisgbonn Allgemein

Am 14. Juli 2016 konnte das Center for International Security and Governance (CISG) den ägyptischen Großmufti Dr. Shawki Allam als Gastredner zur Veranstaltung „Im Namen des Islam? – Religion als Mittel zum Zweck“ in Bonn begrüßen. Nach seinem Impulsvortrag diskutierte der oberste islamische Rechtsgelehrte bei der von der Bonner Islamwissenschaftlerin Professorin Christine Schirrmacher moderierten Diskussionsrunde im Bonner Universitätsforum mit Ahmad Mansour, Diplom-Psychologe und Programm-Direktor bei der European Foundation for Democracy, der Kölner Islamwissenschaftlerin Professorin Sabine Damir-Geilsdorf und dem Leiter des CISG, Professor James Bindenagel über die kritische Auseinandersetzung mit dem gewaltbereiten und religiös motivierten islamischen Extremismus.

Rektor Michael Hoch

Als allererstes begrüßte Professor James Bindenagel in seiner Rolle als Gastgeber Publikum und Referenten. Anschließend betonte der Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Michael Hoch, in seiner Begrüßungsrede, dass der interreligiöse Dialog aufgrund der derzeitigen Entwicklungen rund um die Flüchtlingsthematik und den sogenannten Islamischen Staat von immenser Bedeutung sei. Besonderes Augenmerk legte er bei seinen Ausführungen auf die Rolle der Universität Bonn: „Wir als Universität mit internationaler Ausrichtung sehen unseren Auftrag darin, für Bildung und Aufklärung über alle Grenzen hinaus einzustehen.“

Roland Schatz

Dem schloss sich Journalist Roland Schatz vom Kooperationspartner Mediatenor in seiner folgenden Einführung an und lobte den von Großmufti Shawki Allam propagierten interreligiösen Dialog. Der Mufti passe „ideal ins kantsche Bild der Aufklärung und das, was Bonn als Universitätsstadt ausmacht“. Schatz mahnte, dass die Berichterstattung über Muslime und den Islam zumeist negativ konnotiert sei und Muslime selten selbst zu Wort kämen. Umso mehr sei die vom Großmufti zusammen mit UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon gestartete Initiative wichtig, um den Dialog zwischen den Religionen zu fördern.

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Großmufti Dr. Shawki Allam

Zu Beginn machte Großmufti Allam in seinem Vortrag klar, dass Gewalt und Extremismus in der traditionellen Lehre des Islams keine Basis hätten. Stattdessen wolle er mit allen Teilen der Welt in Kontakt treten und baue auf Verständigung und Kommunikation. Der dabei angestrebte Dialog müsse auf „Respekt beruhen und Religiosität und Vielfalt achten“. Das Modell der religiösen Koexistenz und der Zusammenarbeit solle als Vorbild für unsere heutige Welt dienen. Sein seit Anfang des Jahres mit der UN verfolgter interreligiöser Dialog dürfe sich jedoch nicht nur auf akademische Kreise beschränken, sondern „muss praktisch geführt werden“ und solle darin resultieren, „dass Missverständnisse bei der breiten Masse ausgeräumt werden.“

Im Anschluss an die Rede Allams leitete Moderatorin Christine Schirrmacher in die Diskussionsrunde über und fragte Professorin Sabine Damir-Geilsdorf, ob denn der gewaltbereite Extremismus nichts mit dem Islam zu tun habe? Die Kölner Islamwissenschaftlerin antwortete, dass es „schwierig oder nicht möglich ist von einem traditionellen Islam zu sprechen“, da es unterschiedliche Auslegungen gebe und es immer darauf ankomme, wie der Koran interpretiert werde. Weiter referierte sie: „Der Djihadismus oder der IS sind weniger ein Resultat der religiösen Quellen sondern der Gesellschaften aus denen sie hervorgegangen sind.“

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Ahmad Mansour

Extremismusexperte Ahmad Mansour machte zu Beginn der Diskussion klar, dass bei seinen Ausführungen bedacht werden solle, dass er den Islam „aus Liebe“ kritisiere. Seiner Meinung nach müsse sich der Islam differenziert damit auseinandersetzen, wie das aus IS, Al-Qaida und Boko Haram bestehende Ungeheuer in den eigenen Reihen entstehen konnte. Vor allem Jugendliche seien heutzutage gefährdet, sich dem islamischen Extremismus anzuschließen, denn „für viele Jugendliche ist der Extremismus der Islam.“ Der Berliner Diplom-Psychologe regte darüber hinaus eine innerislamische Debatte an, da endlich offen über die Benachteiligung von Frauen, Homosexuellen oder den weit verbreiteten Antisemitismus gesprochen werden müsse.

„Der Islam ist seit den 1950er Jahren ein Teil von Deutschland“, argumentierte Professor Bindenagel während der Podiumsdiskussion. Doch erst mit der einsetzenden Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 hätten viele Menschen begonnen, sich zu fragen, was eigentlich der Islam sei. Die Menschen müssten sich bei der Auseinandersetzung mit dem Islam selbstkritisch hinterfragen und gleichzeitig Verständnis für entsprechende Konfliktsituationen und andere Religionen aufbringen.

Moderatorin Christine Schirrmacher und die Diskutanten

Moderatorin Prof. Dr. Christine Schirrmacher und die Diskutanten

In der offenen Diskussionsrunde wurde anschließend weiter über den Ursprung der Radikalisierung debattiert. Professorin Damir-Geilsdorf betonte dabei die ideologische Rolle und widerlegte ein Vorurteil: „Gewaltbereite Extremisten kommen nicht nur aus der Unterschicht. Das können ganz unterschiedliche Charaktere sein.“ Ahmad Manosur stimmte ihr zu und trug zu diesem Thema mit eigenen Erfahrungswerten bei. Käme man in ein Land und spräche die Sprache nicht, so „fühle man sich klein. Man könne nichts beitragen.“

In der abschließenden Fragerunde mit dem Publikum wurde vor allem über den Islamischen Staat gesprochen. Großmufti Shawki Allam stellte klar: „Der islamische Staat ist weder ein Staat noch islamisch. Die Mitglieder sind schlicht und ergreifend Terroristen.“ Der IS berufe sich bei seiner Rechtfertigung auf Suren des Korans mit völlig falscher Interpretation und viele Zusammenhänge würden aus dem Kontext herausgerissen. Allam sagte weiter, dass „diese Leute die Religion missbrauchen und sie instrumentalisieren und dadurch das wahre Bild des Islams verfälschen.“